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Die kleinen Momente des Lebens schätzen lernen

Wir leben fast ausschließlich für die großen Ereignisse in unserem Leben. Doch in der Summe besteht es zum größten Teil aus den kleinen Momenten. Jeder einzelne Tag ist voll von ihnen, doch meist nehmen wir sie gar nicht bewusst wahr oder wissen sie, zu schätzen. Bedeutet das in der Schlussfolgerung, dass die meiste Zeit unseres Lebens unbemerkt an uns vorbeizieht und wir all das Schöne, was das Leben jeden Tag aufs Neue zu bieten hat, gar nicht wirklich wertschätzen und genießen?

14. Mai 2020

Oft hetzen wir durch die kleinen Momente des täglichen Lebens oder stopfen sie noch mit zusätzlichen Tätigkeiten voll, anstatt sie bewusst zu erleben. Zum Beispiel beeilen wir uns morgens im Bad. So kommt es, dass wir in dieser Hast beim Duschen die wunderbar wohlige Wärme und den angenehm massierenden Druck des Wassers gar nicht wirklich spüren, sondern schlicht einfach nur duschen. Gedanklich sind wir zudem oft schon einen Schritt weiter. Das Bewusstsein für diesen Moment fehlt uns also. Ein weiteres Beispiel: Schon seit Ewigkeiten haben wir vor lauter Alltagsverzettelung nicht mehr mit einer eigentlich sehr engen Freundin telefoniert. Nun ruft sie zufällig an. Doch statt sich jetzt ausschließlich dem Telefonat mit dieser Freundin zu widmen, räumen wir nebenbei noch in der Wohnung auf. Ist das völlige Wertschätzung des Moments? Oder ist das Multitasking und Effektivsein? Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, wie ich beim Telefonieren nebenher noch andere Dinge erledige. Oft bemerke ich dann aber irgendwann, dass ich dem Gespräch eigentlich meine volle Aufmerksamkeit geben möchte, und beende mein Multitasking. Manchmal mache ich mit meiner parallelen Tätigkeit aber auch weiter. Innerlich argumentierte ich dann damit, dass ich heute noch viel zu tun und wenig Zeit habe. Aber ist das wirklich so? Geht es immer nur um Effizienz und darum, möglichst viel an einem Tag zu schaffen? Oder wird ein Tag vielleicht von einem aufmerksamen und tiefen Gespräch perfekt abgerundet?

Sich an den kleinen Momenten erfreuen

Unser Leben besteht zum größten Teil aus kleinen Momenten. Leider erfreuen wir uns an ihnen aber eher selten. Dabei bietet uns jeder Tag eine Vielzahl an kleinen Augenblicken, die uns glücklich machen könnten, wenn wir sie nur bemerken würden. Doch warum nehmen wir sie nicht bewusst wahr? – Weil sie für uns selbstverständlich geworden sind. Wir haben den Blick für unser privilegiertes, wundervolles Leben verloren. Wir leben in solch einem materiellen Überfluss, dass wir die kleinen Dinge des Lebens gar nicht mehr zu schätzen wissen: das kuschelige Bett, in dem wir morgens aufwachen, die schöne Wohnung, in der wir leben, das warme Wasser, das jeden Tag aus dem Duschkopf schießt, der elektrische Strom, der so viele Geräte betreibt und unser Leben damit so viel bequemer macht, der Herd und die Heizung, die uns ersparen, erst umständlich Holz anzünden zu müssen, die Waschmaschine, die unsere Wäsche ganz von allein säubert, ohne dass wir sie erst stundenlang mühsam per Hand waschen müssen, die Spülmaschine, die uns täglich ohne Murren lästige Arbeit abnimmt und so weiter. Überdies haben wir jeden Tag mehr als genug zu essen. Wir leben in dem Luxus, in Geschäfte gehen und alle nur erdenklichen Lebensmittel aus aller Welt kaufen zu können, ohne je selbst auf einem Feld gestanden zu haben. Unzählige Menschen helfen uns dabei, unser tägliches Essen auf dem Tisch zu haben. Zudem leben wir in einer Demokratie, das heißt wir können uns frei bewegen, wir können freie Entscheidungen treffen, wir können offen unsere Meinung äußern und noch so Vieles mehr.

Eine verzerrte Wahrnehmung

Doch wissen wir all diese Kleinigkeiten, die im Grunde genommen ja alles andere als Kleinigkeiten sind, auch jeden Tag zu schätzen? Ich glaube nicht. Unser massiver Überfluss hat uns abgestumpft, und zwar so weit, dass wir die eigene materielle Fülle, in der wir leben, gar nicht mehr wahrnehmen. Oft erleben wir diese materielle Fülle sogar als Mangel. Denn schließlich haben andere mehr. Und mit diesen Gedanken an den Besitz anderer beschäftigen wir uns dann täglich. Natürlich spricht nichts dagegen, sich gelegentlich auch mit dem Leben anderer und mit ihren Erfolgen zu befassen. Das kann für das eigene Leben inspirieren und motivieren. Es kann also einen positiven Effekt auf uns haben – jedoch nur dann, wenn wir ihnen ihre Erfolge auch von ganzem Herzen gönnen. Wenn wir das tun, versetzen wir uns selbst in die Lage, auch unserem Leben mehr Dankbarkeit und Wertschätzung entgegenzubringen. Wenn wir allerdings neidisch auf die Erfolge anderer sind, schneiden wir uns von unserer eigenen Fülle ab. Dann sehen wir nur noch, dass die anderen mehr haben, und empfinden Mangel – eine völlig verzerrte Wahrnehmung. Zugleich verschwindet damit auch jegliches Bewusstsein für alle kleinen Momente. Sie werden unwichtig, rücken in den Hintergrund und werden nicht mehr wahrgenommen. Stattdessen sehnen wir uns voller Neid nur noch nach großen Momenten, auf die wir stolz sein können, die wir teilen können, die uns fühlen lassen, dass wir gut genug sind. Mit diesem zwanghaften Denken übersehen wir folglich also all die kleinen Dinge, die uns bereits zeigen, dass wir im Überfluss leben, dass wir erfolgreich sind, dass wir gut genug sind. Natürlich gibt es immer Luft nach oben. Natürlich gibt es weiteres Potenzial in uns, das sich entfalten will. Aber die Entwicklungsmöglichkeiten, die noch vor uns liegen, dezimieren nicht im Geringsten den Wert unseres aktuellen Lebens.

Unsere Wahrnehmung verändern

Unser Ego fühlt sich mit einer Sichtweise, die auf Mangel basiert, wohl. Unser Ego will nämlich nicht, dass wir erkennen, in welcher Fülle wir tatsächlich leben. Es will nicht, dass wir uns an all den kleinen Momenten des Lebens erfreuen. Die Natur des Egos ist Angst. Es kann also nur existieren und sich ausdehnen, wenn wir Angst oder Sorge haben, wenn wir unruhig oder unzufrieden sind. Unser Ego ist demnach für unsere verzerrte Wahrnehmung verantwortlich. Es will, dass wir uns nur auf die großen Momente konzentrieren. Denn dann kann es die viele Zeit zwischen den großen Momenten für seine Zwecke nutzen – nämlich dafür sorgen, dass wir unzufrieden sind. Das Ego will nicht, dass wir mit dem glücklich sind, was wir bereits haben, es will, dass wir unbefriedigt sind und es bleiben.

Die Natur unseres Bewusstseins hingegen ist Liebe – und zur Liebe gehören unter anderem Wertschätzung und Anerkennung. Es braucht also einen Wechsel unserer Wahrnehmung. Wenn wir unser Leben durch die Augen unseres Bewusstseins sehen statt durch die Augen unseres Egos, erkennen wir die vielen kleinen Momente als Geschenke. Und wenn wir diese kleinen Momente anerkennen und wertschätzen, können wir uns an ihnen erfreuen. Dann können wir die Fülle unseres Lebens sehen. Diese veränderte Wahrnehmung erhöht also unser Bewusstsein und verkleinert unser Ego.

Falls Sätze wie „Was für ein Blödsinn, die kleinen Momente des Lebens wertschätzen … Was soll das denn?!“ in uns aufsteigen, dann ist das lediglich die Stimme unseres Egos, die versucht, uns davon abzuhalten, unsere Wahrnehmung zu verändern. Denn es weiß, dass es dadurch weniger Energie bekommen und kleiner werden würde. Wir sollten also unsere innere Stimme bewusst beobachten. Wir sollten uns wieder daran erinnern, dass wir ein privilegiertes Leben führen. Wir sollten unsere Wahrnehmung korrigieren und uns auf das konzentrieren, was wir bereits besitzen, anstatt auf das, was uns fehlt. Echte Lebensfreude entsteht aus der Wertschätzung dessen, was wir bereits haben. Lasst uns also die kleinen Momente schätzen lernen!

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